Der Frühling kehrt langsam ein in Helensville und mit ihm auch ein wenig der Alltag. Die Woche, wie ich sie vor kurzem einmal beschrieben hab, erhält nicht unbedingt viele Änderungen, hier und da mal eine Fahrt mit dem Van, ein bisschen im Haushalt helfen und entspannen, wie es meine Houseleaderin von mir neulich ausdrücklich verlangt hat. Ab und zu hält mich Agnes noch ganz schön auf Trapp, nach dem ihre deutschen Begriffe in letzter Zeit immer weniger geworden sind und ich mit meinem Deutsch beibringen nicht weit kommen werde (sie kann immer noch nicht mehr als „Auf Wiedersehen“), dachte ich die Anfangsphase als Freiwilliger überstanden zu haben. Falsch gedacht. Letzte Woche Freitag kam sie aus der Bibliothek wieder, Freude strahlend teilte sie mit: „Look Michael, I have a book about German Nazis!“ Nach dem die erste Verwunderung gewichen war, hab ich das mit einem einfachen „Interesting“ beantwortet, der Titel des Buchs lautet „Hitler’s Henchman (Handlanger) – The Nazis who shaped the Third Reich“. Als ich mich dann abends auf die Couch gesetzt hatte um auf Fabio zu warten kam Agnes aus ihrem Zimmer, mit einem Block in der Hand und sagte: „Here Michael, could you read these german words to me, please?“ Auf ihrem Zettel stand die gesamte „Elite“ des Dritten Reiches; Gobbels, Himmler, Göhring und Kumpanen. Als ich dies dann nach anfänglichen Protesten getan habe, hat sie mir das Buch dann kurz geliehen. In diesem sind 20 Kapitel zu jeweils 20 „Persönlichkeiten“ des Dritten Reiches. Die Kapitel tragen oft BILD- Zeitungsmäßige Überschriften; „Goebbels – Hitler’s Little Mouse- General“, „Gorilla Kaltenbrunner“ oder auch „Ilse Koch: The Bitch of Buchenwald“. Gott sei Dank hat sie nicht noch weitere Bücher hervorgeholt, da war es mir doch schon ganz Recht, als sie sich am Montag den Lonley Planet Frankreich ausgeliehen hat, jetzt les ich ihr französische Städte vor, was deutlich angenehmer ist.
Mit einem Stück deutscher Geschichte wurde ich auch schon einen Tag vorher konfrontiert. Da bin ich mit Tom in das „Auckland Museum“ gegangen. In dem man ungefähr alles zu Neuseeland finden kann, was man wissen möchte. Von Musik über Flora und Fauna, Kunst und natürlich Geschichte. Da die neuseeländische Geschichte nicht allzu viel hergibt, ist man vor allem auf die Teilnahme an den beiden Weltkriegen stolz. Deshalb widmete man diesen im Museum auch die ganze oberste Etage. Und was sieht man wenn diese über die Treppe erreichen will? Eine an der Decke hängende V1- Rakete.
Auch sonst stammte die Hälfte der Exponate aus der Kaiserzeit oder eben aus Hitlerdeutschland. Bei den Besuchern war nicht, wie in Deutschland üblich, eine Betroffenheit oder leichtes Kopfschütteln zu erkennen. Man spürte viel mehr ein großes Interesse, ab und zu hörte man dann schon ein „Look at this“, Tom und mir war schon etwas mulmig zu Mute.
Am letzten Wochenende habe ich dann einmal wieder der neuseeländischen Bierindustrie mit meinem Tui- Konsum etwas unter die Arme gegriffen. Auf dem Programm stand der 21. Geburtstag von Jonas, einem weiteren deutschen Freiwilligen im Mount Tabor Trust. Es sind extra noch ein paar andere Freiwillige nach Auckland gekommen um mit uns zu feiern. Die Geburtstagüberraschung war ziemlich genial geplant, wir wollten ihn entführen. Paea, Jonas seine Houseleaderin, hatte diesen nichts ahnend zu einem Spaziergang ausgeführt. Derweil haben wir uns getroffen und alles nochmals besprochen, dann sind wir an ihm ran geschlichen (ich hatte die Ehre das Auto zu fahren, durfte das Spektakel also bewundern) und fünf Mann sind auf ihn rauf. Allerdings ist Jonas ca. 1,91 groß und gut in Selbstverteidigung, somit hat er gleich zu Beginn rausgefunden wer dahinter steckt. Gefesselt haben wir ihn dann doch noch, anschließend gings in den Kofferraum mit ihm und die ersten Biere wurden geöffnet (da saß ich natürlich nicht mehr hinterm Lenkrad), dumm nur, dass an diesem Wochenende in ganz Auckland massig Polizeikontrollen durchgeführt wurden und man in Neuseeland keinerlei Bier im Auto trinken darf. Also schnell alle Biere versteckt, unter eine Jacke über Jonas geschmissen, die Polizistin hat uns alle sehr prüfend angeschaut, aber dann doch nichts beanstandet, die Momente des Zitterns waren vorbei, Glück gehabt. Das Aucklander Nachtleben an einem Freitag ist im Vergleich zum Samstag eher fad, wenig Menschen unterwegs und die Musik war nicht gerade anziehend. Trotzdem waren Fabio und ich erst um 5 Uhr morgens in Helensville, um acht musste ich dann wieder aus den Federn, den Samstag habe ich aber überraschenderweise ohne große Müdigkeitserscheinungen überstanden.
Die letzte Woche habe ich ausschließlich in meinem kleinen Dorf verbracht, eigentlich verlief diese auch ganz ruhig, eigentlich. Robbie, der hier immer nur tagsüber ist, hat ab und zu seine, ich würde sie mal als paranoide Phasen beschreiben. In diesen verflucht er Gott und die Welt, am Donnerstag war dann wieder so eine. Ich sitze am Frühstückstisch, da ich frei hatte war dies wieder einmal ca. 11.56 Uhr, plötzlich geht Robbie in die Küche und nimmt sich ein großes Küchenmesser, damit setzt er sich in seinen Sessel und tut vor meinen Augen und denen einer Betreuerin so als, wenn er sich dieses in den Hals stecken würde. Die Betreuerin meinte zwar, dass er sich nichts wirklich tun würde, aufgesprungen und das Messer aus seiner Hand genommen hat bzw. ist sie aber trotzdem. Das ganze war für mich dennoch ein Schock, ich hatte es schon drin gesehen, also das Messer in seinem Hals. Hier mal ein Foto von Robbie.
Jetzt dürfte die Suppe auch fast leergelöffelt sein, ich würde sie eher als durchschnittlich beschreiben. Zum Runterschlürfen bleibt mir nichts anderes übrig als zu einem morgigen Spaziergang und einem kurzem Abstecher im Wahllokal aufzurufen. Wenn ihr etwas Gutes für die dortigen Wahlhelfer tun wollt bringt ihnen eine Kanne Kaffee mit, ansonsten besteht die Gefahr, dass sie morgen einschlafen, verhindert dies bitte. Leider bleibt mir der sonntägliche Wahlabend erspart, ich mache daraus einen montäglichen Wahlmorgen, das bedeutet um halb 5 aufstehen. Gott sei Dank werden diese Nacht die Uhren vorgestellt, bin dann also euch schon 11 Stunden vorraus.
Euch allen einen DEMOKRATISCHEN Sonntag!
Bis demnächst!!
Grüßt die Kiwis!!!
Euer Michi
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