Samstag, 15. Mai 2010

Brüh im Lichte dieses Glückes.


Ich begrüße euch an diesem angenehmen Herbstabend zu einem weiteren Blogeintrag. Der an die Fenster nur so klatschende Regen der letzten Tage hat sich seit heute Nachmittag eine Atempause verschrieben, den böigen Nordwestwind hat er von der Notwendigkeit des Luftholens auch noch überzeugen können und so sitzen die beiden bestimmt ganz gemütlich, mit einem Gläschen Tui in der Hand, auf einem der umliegenden Berge und betrachten den nicht ganz sternenklaren neuseeländischen Abendhimmel. Bevor sie morgen wieder ihr Unwesen treiben werde ich euch daher lieber ein paar Zeilen schreiben, Betonung liegt hierbei auf „Zeilen“ und nicht auf „ein paar“. Wobei ich gestehen muss, dass dies wieder einer dieser Einträge ist, bei denen ich am Startschuss nicht weiß, wann, wie und wo die Ziellinie überschritten wird. Die Trägheit des Herbstes hat sich auch in den Rhythmus meines Lebens eingeschlichen, für einen größeren Ausflug fehlt im Moment die Lust, es sind eher die kleinen Dinge, die mich im Moment bei Laune halten.

Dabei ist es nicht so, dass ich nach dem erklingen meines Radioweckers jeden Morgen meinen Kalender anstarre und einen Strich für die nächste vollendete Nacht mache. Ganz im Gegenteil. Fragt mich mal bitte einer danach, wie viele Tage ich in Neuseeland noch habe? Ich weiß es nicht. Und das ist, wie ich finde, ein ganz gutes Zeichen. Ich bleibe lieber noch ein wenig liegen, warte bis die Nachrichten gesprochen wurden, und dann beginnt mein Tag.

So war das heute Morgen auch wieder, jedoch kam heute nach zweiminütiger Wachsamkeit der Gedanke hinzu, euch doch „endlich“ wieder einen Eintrag zu hinterlassen. So weit, so gut. Aber ein Gedanke allein hämmert ja noch keine Buchstaben in die Tastatur und so beschäftige mich den ganzen Tag, beim Duschen, beim Wäsche heraushängen und beim Abendessen kochen, über was ich denn nun schreiben könnte. Von neuseeländische Geschichte für Anfänger Teil drei, ein Bericht über die Maori- Kultur oder über die wahnsinnig spannenden Auseinandersetzungen mit meinem neuen Mitbewohner, stand aller Hand zur Auswahl. Ich entscheide mich für Variante Nummer vier, die mir schon fast sei meiner Ankunft in den Fingern klemmt; die Deutschen und die Kiwis.

Wenn mich nicht alles täuscht war es der neunundzwanzigste Dezember des letzten Jahres, so um die Mittagszeit herum. Der Regen prasselt nur so gegen die Windschutzscheibe unseres Vans, große Lust auszusteigen besitzt eigentlich keiner von uns drei, aber eines der eher raren Sehenswürdigkeiten an der Westküste der Südinsel sollte man sich dann eigentlich doch nicht entgehen lassen. So lassen Till, Matthias und ich unseren Bongo auf den mit Touristenbussen überfüllten Parkplatz stehen und stapfen eher missmutig in Richtung Pancake Rocks. Von denen habe ich euch ja auch schon mal geschrieben, waren die Felsen, die wie übereinandergeschichtete Pfannkuchen aussehen. Auf dem fünfminütigen Fußweg dorthin treffen wir zum ersten Mal Menschen, die unserer Muttersprache mächtig sind - deutsche Touristen. Naja, macht ja eigentlich nichts, wir sind ja schließlich auch welche und ein paar unserer Mitbürger sind wir an jeder im Marco Polo erwähnten Sehenswürdigkeit gewohnt. Die Pancake Rocks angeschaut, dem Himmel gedankt, dass es aufgehört hat zu regnen und ein paar Bilder gemacht. Schon an jeder einzelnen Informationstafel schauten wir drei uns merkwürdig an, man konnte gar nicht in Ruhe lesen, schon wurde man wieder durch das Hören seiner eigenen Sprache unterbrochen. Nachdem wir von Pfannkuchen genug hatten, war der Hunger nach einem anständigen Mittag im am Parkplatz befindlichen Café recht intensiv. Auf dem Weg zurück erhöhte sich die Dichte der Anzahl unserer Landleute von Meter zu Meter. Am Café angekommen gab es des Rätsels Lösung. Folgendes Fahrzeug eröffnete sich unserem Blickwinkel:

„Chamäleon – Reisen in kleinen Gruppen und individuelle Reisen“ Kurz den Kopf geschüttelt und auf zum Mittagessen. Was es genau gab kann mein erbärmliches Langzeitgedächtnis nicht mehr herauskramen, jedenfalls blieb uns der Genuss des anschließenden Kaffees verwehrt. Vor dem Café parkte ein roter Bus, eigentlich nicht großartig erwähnenswert, hätte dieser nicht folgende Aufschrift gehabt:

„Rotel Tours – Das rollende Hotel“ Mit der Ankunft des Busses erscheint plötzlich auf der linken Bildfläche eine Masse von Menschen. Dicht gedrängt zwängen sie sich in die beiden zur Verfügung stehenden Eingänge, keiner will ja seinen schon seit Beginn der Reise fest reservierten Sitzplatz verlieren. Das Gros der Menschen befindet sich im mittleren bis etwas gehobenen Alter, alle mit dicken Pullovern oder Jacken und jeder mit mindestens einer Digitalkamera am Hals. Die Schlange löst sich in weniger als dreißig Sekunden auf, schon sitzen alle ganz gemütlich im Bus und schauen sich ihre gerade geschossenen Bilder oder die eben ergatterten Souvenirs noch einmal genauer an, alle scheinen sie glücklich und zufrieden. Wir drei sind es nicht unbedingt und wenden uns wieder unserem Kaffee zu. Als dieser nach fast zehn Minuten ausgetrunken ist blicken wir ganz verwundert zum immer noch dastehenden roten Bus, die Menschen in diesem haben jetzt gar nicht mehr den noch so zufriedenen Gesichtsausdruck. Sie schauen nervös, ja schon fast ängstlich drein. Einige werfen einen Blick auf die Uhr, dieser löst ein anschließendes Kopfschütteln aus. Ich tue das Gleiche und stelle fest: 13:01 Uhr. Mein Blick immer noch auf die digitalen Ziffern gerichtet und die weißen Schriftzeichen im Kopf bildlich vorstellend, leuchten mir die veränderten Gesichtsausdrücke der Touristen ein. Nach drei weiteren, qualvoll langen, Minuten erreicht ein Pärchen, wahrscheinlich Ende zwanzig, auf Grund des eben zurück gelegten Sprints, völlig erschöpft den Bus. Im selben Augenblick erfasst mein Auge eine umgehende Reaktion der Passagiere im Bus, die am Fenster sitzenden zeigen mit ihrem Finger auf das Pärchen, anschließend beugt sich der Sitznachbar her rüber und erkennt die beiden ebenfalls. Wieder einsetzendes Kopfschütteln setzt die Szenerie fort, diesmal gefolgt von nicht zu verstehenden Konversationen der jeweiligen Sitznachbarn, gefolgt von einem erneuten Blick auf die Uhr. Der Busfahrer öffnet die Tür, es dauert keine zehn Sekunden, bis er ins Gaspedal drückt und der Bus im wieder einsetzenden Regen verschwindet.

Ja so war das. Das Busunternehmen Rotel- Tours kam mir vorher schon einmal zu Gesicht, es war im Jahre zweitausendundsieben, in Irland. Dass das deutsche Tourismusgeschäft aber nun schon am anderen Ende der Welt so floriert war mir bisher unbekannt. Da wird dem Titel „Reiseweltmeister“ alle Ehre gemacht. Ich hoffe ihr versteht mich jetzt nicht falsch, selbstverständlich habe ich nichts dagegen, wenn unsere Mitbürgerinnen und Mitbürger der neuseeländischen Wirtschaft aus der heftigsten Rezession der letzten dreißig Jahre helfen. Aber müssen wir gleich unsere eigenen Reiseunternehmen mitbringen? Abgesehen von unseren chinesischen, japanischen und natürlich neuseeländischen Freunden, traf ich kein weiteres dieser Fortbewegungsmittel eines anderen Landes an.

Wie schon erwähnt war dies ja nicht die einzige Begegnung mit unseren Landsleuten. Auf einem Gletscher, in zahlreichen Museen, der steilsten Straße der Welt, am fast südlichsten Punkt, im Milford Sound, sogar beim wild Campen, eigentlich überall. Obwohl; bei einer Tätigkeit trafen wir den deutschen Sommertouristen fast nie an, beim Wandern. Mein Gedächtnis ruft eine Begegnung mit einem Schwaben auf dem Kepler Track hervor, mehr nicht und wir haben ja ein paar Kilometer absolviert. Das Merkwürdige war, dass die meisten mindestens vier Wochen Urlaub haben und anschließend noch zwei in Australien verbringen, oder gerade aus Hawaii kommen. Wir trafen auch einige, die schon seit Jahren in Neuseeland wohnen und in ihrer Art und Weise schon etwas den „Kiwi- way of life“ angenommen haben, mit denen konnte man sogar etwas über den deutschen Massentouristen „lästern“. Was ich an dieser Stelle aber unterlassen will.

Und was denken die Kiwis über uns Deutsche? So wie ich das aufgefasst habe, freuen sich die meisten, dass wir hier sind, vor allem als deutscher Freiwilliger gilt man als zuverlässig, pünktlich und belastbar. Über die Touristen können sie sich natürlich auch nicht beschweren, obwohl man schon bei der Preisgabe seiner Nation ein leichtes Augenrollen oder dieses „na woher denn sonst“ verspüren kann. Obwohl sie ja angebliches nichts gegen mehr deutschen „Einfluss“ gehabt hätten. Ich habe mal mit einem Neuseeländer in einer Bar über Geschichte gesprochen. Der meinte, dass die Kiwis das so sehen, wenn Deutschland den zweiten Weltkrieg nicht verloren hätte, wäre Neuseeland jetzt deutsch und so schlimm wäre das jetzt auch nicht. Ich hebe keinen Anspruch auf Verallgemeinerung, aber meine House Leaderin meinte so etwas Ähnliches vor kurzem auch. Sowieso scheinen die deutlich lockerer mit unserem dunklesten Kapitel umzugehen. Hier ein paar Erfahrungen:

Schon in meiner ersten Woche war das. Wir sind mit den Zwillingen zu einer Art Kurs für Zeichensprache. Die Aufgabe bestand für sein eigenes Land ein Zeichen zu finden. Als ich an der Reihe war viel mir spontan nichts ein. Neben mir saß ein weiterer Betreuer, als ich nach fünf Sekunden immer noch kein Zeichen parat habe, hebt dieser doch tatsächlich seinen rechten Arm und streckt diesen mit einem Steigungswinkel von circa fünfundvierzig Grad Richtung Decke. Ich war ein wenig schockiert und schaue die anderen in der Runde an, keiner schaute entsetzt, sondern hatte ein Lachen auf dem Lippen, da konnte ich mir auch ein Schmunzeln nicht entgehen lassen.

Ein paar Monate später in einem christlichen Camp in New Plymouth. Tom und ich besuchen zwei andere Freiwillige. Eine der Mitarbeiterinnen des Camps war unser Alter, als wir ihr Guten Tag sagen wollten und meinten, dass wir aus Deutschland kommen, ihr Kommentar: “Oh really? My grandfather fought in the second world war and bombed a bridge in Cologne.“ Da war ein Fortsetzen der Konversation erst mal schwierig.

Ein weiteres Beispiel noch; ebenfalls noch in meinem ersten Halbjahr. Auf irgendeiner Mt. Tabor- Veranstaltung treffe ich einen Mann, der den vorherigen Freiwilligen in meinem Haus gekannt hat. ”I remember Tobias, who used to be the volunteer before you. He was tall, had blond hair and blue eyes; a perfect German. Adolf Hitler would have loved him. How do you call guys like him ‘Arier’?” Und mit einem Lächeln verschwand er auch wieder.

Es gab noch weiterer dieser Begegnungen, die mir aber nicht so sehr haften geblieben sind wie die dargelegten. Agnes zum Beispiel fragt mich immer noch regelmäßig:“Have you still a lot of Nazis in Germany?“ Auch wenn man das selbstverständlich nicht als repräsentative Beispiele nehmen kann, habe ich schon den Eindruck, dass viele Neuseeländer bei dem Gedanken an Deutschland, erst an die Geschehnisse von dreiunddreißig bis vierundfünfzig, anstatt zum Beispiel die Wiedervereinigung denken, wobei sie da sicherlich nicht die einzigen sind auf dieser Welt und wer soll es ihnen verdenken.

Was bleibt zum Abschluss dieses Geschwafels? Ich finde in uns allen könnte ein bisschen mehr Kiwi stecken. Ja, das sagt der als „Mr. Prinzip“ geltende Verfasser dieses Blogs. Etwas lockerer mit der Welt und den Mitmenschen umgehen, die Kiwifrucht ungeschält essen, barfuß durch die Stadt laufen oder das Auto ungeschlossen auf dem Parkplatz stehen zu lassen. Wäre doch mal ein Anfang, oder?

Hoffentlich nehmt ihr das jetzt nicht als persönliche Kritik auf und fühlt euch durch diesen Eintrag direkt angesprochen, um Himmels willen. Ich wollte, das einfach nur mal so loswerden, meldet euch, wenn man das falsch verstehen kann.

Ich belasse es dabei auch für heute Abend. Als Abschluss gibt es ein Bild, welches vor den Pancake Rocks geschossen wurde, ich war ziemlich erschrocken als ich das eben gefunden habe. Herr Wind und Frau Regen befinden sich immer noch auf ihrem Hügelchen, es ist anscheinend nicht bei dem einen Tui geblieben. Dafür findet aber Dr. Kälte Einlass in die nicht isolierten Wände unseres Hauses, somit sage ich für heute:

Gute Nacht!

Blühe deutsches Vaterland!!

Grüßt die Kiwis!!!

Euer Michi


Freitag, 30. April 2010

Done it.



Es herrscht eine Ruhe an diesem Samstagnachmittag, die fast schon angsteinflößend sein könnte. Einzig und allein das Knattern des Motors unterbricht die Stille. Der Blick in meinen Rückspiegel zeigt eine endlose Leere, der Blick in meine Windschutzscheibe ebenso. Zu meiner rechten zerbrechen in beunruhigend naher Entfernung acht Meter große Wellen an ihrer eigenen Höhe, ihre Ausläufer nähern sich in bedrohender Schnelligkeit, ehe ihnen am Ende doch der Mut fehlt, mich in ihre Schlinge hineinzuziehen. Zu meiner Linken herben sich in Wohnblockgröße Sanddünen, nur an ihren verwehten Gipfeln kann man die Stärke des Windes erahnen. Auf Grund der geschlossenen Fenster bleibt mir die Akustik dieser Naturschauspiele fern, es halten mich nur die rhythmischen Motorengeräusche meines Fahrgerätes wach, unausgeschlafen und ungeduscht klammere ich mich an mein Lenkrad und tue nichts anderes als - Geradeaus zu fahren. Siebzig zeigt der Geschwindigkeitsmesser, mehr traue ich mir nicht zu, ab und an gerät mein Van ordentlich ins Schleudern und ich erwache aus meinem Halbschlaf. Wir befinden uns mitten auf einem Strand, dessen Anfang und Ende man nur erahnen kann. Der Ninety Mile Beach ist zwar in Wirklichkeit keine neunzig Meilen lang, besitzt aber dennoch eine unvorstellbare Weite. Man kann jeden der achtundachtzig Kilometer abfahren, sollte aber zumindest ein Allrad betriebenes Auto haben. Da diese Voraussetzung von meinen Mazda Bongo erfüllt wird, konnten wir uns diesen Spaß natürlich nicht entgehen lassen, es war eines der vielen kleinen Abenteuer meiner vorerst letzten Neuseelandrundreise.

Heute nehme ich euch mit in den Norden. Vor zwei Wochen hatte ich wieder einmal vier Tage frei und da wollte ich einen von mir noch nicht erschlossenen Teil Neuseelands bereisen. Geplant war es die Reise mit einem anderen Freiwilligen zu begehen, der konnte aber dann doch nicht und so musste ich halt alleine die neuseeländischen Straßen unsicher machen. Obwohl alleine war ich eigentlich nicht, ich hatte ja meinen Bongo, der sich auf diesen Trip schon ganz besonders gefreut hatte.

Los geht eine Neuseelandreise immer mit dem Einkauf. Da wird schon nicht mehr lange überlegt was man sich denn köstliches die nächsten Tage kochen will. Es reicht ein Griff ins Nudelregal, einer für die Soße, ein weiterer fürs Toast, noch einer für ein paar Thunfischdosen und der letzte für die Müsliriegel. Die Nutella kann ich mir von meinem Haus mitnehmen und Wasser wird schon lange nur noch aus dem Wasserhahn getrunken. Während ich in Deutschland einen solchen Ausflug Tage vorher genauer durchgeplant hätte, ist mir das organisatorische Vorgehen in Neuseeland vollkommen abhanden gekommen, einen Wald zum Schlafen findet man schon. So brach ich an einem Donnerstagmorgen auf, warum das relevant ist, weiß ich eigentlich auch nicht. Das erste Ziel stellte die größte Stadt im sogenannten Northland dar, Whangarei (gesprochen: Vangerei). Jede weitere Zeile verbietet sich über diese Stadt, dagegen ist Schwedt eine Perle. In der Nähe von Whangarei gibt es ein kleines Höhlensystem, welches man kostenlos bewandern kann. Da ein deutscher Massentourist namens Michael Graupner Warnungen wie „in den Höhlen könnte es etwas nass werden“ mit dem Tragen einer Jeans und Halbschuhen beantwortet, hatte ich nach zwanzig Metern Höhlenwanderung schon genug. Das Wasser stand mir bis zum Gürtel und es war eisig. Man hätte wohl noch ein paar Kilometer weitergehen können, aber nach zweihundertfünfunddreißig Metern machte ich kehrt und musste mir das Gelächter von entgegenkommenden Kiwis anhören, bloody German.

Nächster Halt waren die Whangarei Falls. Über die Whangarei Falls sagt der überlebenswichtige Lonely Planet: „The Whangarei Falls are the Paris Hilton of NZ waterfalls - not the most impressive but the most photographed.“ Einen Kommentar meinerseits erspart sich der Verfasser, er lässt das Bild sprechen.

Paris Hilton???

Weiter geht’s, machen wir mal jetzt eine Toilettenpause. Ihr alle kennt doch bestimmt den österreichischen Maler Friedrich Hundertwasser. Der bereiste regelmäßig Neuseeland seit Mitte der siebziger Jahre und ließ sich bis zu seinem Tod ganz am anderen Ende der Welt nieder, wurde sogar hier beerdigt. Jedenfalls hat der Gute Friedrich vor allem im Norden der Nordinsel gearbeitet, genauer in dem kleinen Örtchen namens Kawakawa. Dort hatte er drei Jahre vor seinem Tod eine öffentliche Toilette kreiert, die ich mir als alter Kunstexperte natürlich nicht entgehen lassen konnte.

World famous in New Zealand - die Hundertwasser- Toilette.

Welcher Tourist hat hier nicht schon seine Spuren hinterlassen?


Was würde Frau Mennicke bloß zu dieser Farbanordnung sagen?

Nach diesem freudigen Erlebnis stand die Suche nach einem Schlafplatz an. Vorher wurde mir in der Touristeninformation abgeraten im Northland im Wald zu campen, da sowieso verboten und hier wohl auch gefährlich, ein paar Maori Jugendliche hätten abends wohl etwas Langeweile. Naja, so sehr hat mich dieser Hinweis jetzt nicht abgeschreckt, aber nachdem die Sonne schon verschwunden war und immer noch kein Platz gefunden, nahm ich mir dann doch den Luxus eines Campingplatzes. Van geparkt und Kocher ausgepackt. Noch nicht mal eine Minute vergangen, da vernehme ich einen altbekannten Akzent. „Over there is a well equipped kitchen.“ Der Stolperer bei equipped hatte meine Campingnachbarin verraten – ich war wieder einmal von Deutschen umgeben. Genauer genommen kam das Ehepaar aus Homburg, als ich meinte, dass ich aus Eberswalde komme, eine Stunde nördlich von Berlin, antwortete die Frau: „Das ist ja dann schon Mecklenburg, oder?“ Fast.

Mein Campingplatz befand sich in unmittelbarer Nähe zu dem Bay of Islands. Vollkommen überraschend besteht diese Bucht aus lauter kleinen Inseln, ungefähr einhundertfünfzig sollen es sein. Um diese Inseln herum schwimmen ab und zu auch ein paar Delfine. Verschiedene Bootsunternehmen werben mit der ultimativen Delphingarantie, nach langem hin und her hatten sie auch bei mir Erfolg und so nahm ich an einer kleinen Tour teil. Das Versprechen wurde auch schon nach wenigen Minuten eingehalten und so sah ich halt Delphine im Wasser schwimmen, toll.

Sind sie nicht süß?

Auf Wiedersehen.

Aber die Tour war noch lange nicht vorbei. Ziemlich am Ende der Bucht gibt es ein weiteres Highlight; The Hole in The Rock. Das ist nichts Weiteres als ein Felsen in dem sich ein Loch befindet, welches durch Wind und Wellen geschaffen wurde.

Jepp, da ist halt ein Loch im Felsen.

Danach wurde dann noch eine der Inseln besichtigt und das wars dann, im Nachhinein hätte ich mir die ganze Geschichte sicherlich auch sparen können, aber was solls. Als nächstes wurde dann ein bisschen neuseeländische Geschichte erlebt. In einem kleinen Plätzchen namens Waitangi im Bay of Islands wurde am sechsten Februar vor einhundertsiebzig Jahren der Vertrag von Waitangi (Treaty of Waitangi) unterzeichnet. Da in mir immer noch zu sehr der Geschichtsleistungskursteilnehmer steckt gibt es jetzt den zweiten Teil von neuseeländischer Geschichte für Anfänger: Anfang des neunzehnten Jahrhunderts stellten immer mehr Europäer fest, dass Neuseeland ja eigentlich doch ein schönes Fleckchen Erde ist und so kamen immer mehr von ihnen ans andere Ende der Welt. Dabei brachten sie ganz viele tolle und weniger tolle Dinge mit (mehrheitlich Zweiteres), allen voran Waffen, die sie im Tausch, zum Beispiel gegen Land, an die Maori weitergaben. Diese Technik fanden die wiederum ganz spannend und mussten sie erst einmal in ein paar Kriegen gegenseitig ausprobieren, um später dann auch gegen die Weißen einige Gefechte anzufangen. Das und der Fakt, dass Frankreich von Neuseeland auch ziemlich begeistert war und sich auch am liebsten auch niederlassen wollte, veranlasste die britische Krone einige Dinge mal klar zustellen, in Form des Treaty of Waitangi. Mit diesem Vertrag wurde Neuseeland britische Kolonie und es wurde wichtige Abkommen zwischen Neuseeländern und Maori getroffen. So weit so gut, allerdings gabs von diesem Vertrag logischerweise zwei unterschiedliche Übersetzungen, die dann aber auch unterschiedlich interpretiert wurden. So wurde nach dem Vertrag zwischen Maori und Weißen da weitergemacht wo man eigentlich aufgehört hatte – mit Krieg, bzw. mit mehreren, aber das ist auch schon wieder eine andere Geschichte. Jedenfalls gilt der sechste Februar als eine Art Geburtsstunde des „modernen“ Neuseelands und ist der Nationalfeiertag. In Waitangi kann man unter anderem das Haus besichtigen, indem der Vertrag unterzeichnet wurde.

Anschließend stand noch eine recht anstrengende Fahrt an den nördlichsten Zipfel Neuseelands bevor, davon am nächsten Tag mehr. Genächtigt wurde wieder auf einem Campingplatz, diesmal aber kostenlos und mit Plumpsklo. Zum Abendbrot gab es erneut Pasta, diesmal fotografierte sich Tim Mälzer mal selber.

Wollt ihr mal probieren?

Nach einer weiteren durchwachsenen Nacht stand wieder das volle touristische Programm auf dem Plan. Diesmal war es der (fast) nördlichste Punkt Neuseelands – das Cape Reinga. Am Cape Reinga treten nach Maori Mythologie die Seelen der Toten ihren Pilgerweg in ihre Herkunftsregion, Polynesien, an, da Gerüchten zu Folge der Verfasser dieses Blogs seine polynesischen Wurzeln noch nicht offenbart bekommen hat, wollte ich doch lieber erst mal an Land bleiben und diese atemberaubende Atomsphäre auf mich wirken lassen. Man steht am Cape Reinga, schaut Geradeaus, in die Weiten des Ozeanes, und denkt; ‚da irgendwo ist doch, äh, Indonesien.‘ Da kam zum ersten Mal so richtig dieses am anderen Ende der Welt- feeling auf, seltsam. Ein weiteres Spektakel ist das Treffen des pazifischen Ozeanes und der tasmanischen See, man kann richtig erkennen wie die Wellen sich gegenseitig begrüßen, da lief es mir schon kalt den Rücken runter. Hier mal ein paar Impressionen.


Cape Reinga.


Jepp und der war jetzt auch schon da.


Und nochmal.

Diese Richtung müsste stimmen.


Tasman (links) meets Pacific (rechts).

Schön, mit schweren Herzens musste ich mich auch vom Cape Reinga verabschieden. Von da aus ging es den nördlichen Zipfel wieder runter, diesmal aber mit zwei Zwischenstopps. Den ersten gabs an ein paar Sanddünen. Das wäre an sich nicht so besonders, wenn diese nicht über fünfzig Meter in die Höhe ragen. Eine Frau wusste was mit diesen Dünen anzufangen und verkauft davor kleine Bretter mit denen man sogenanntes Bodyboarding betreiben kann, also mit dem Kopf nach vorne den Berg runter, konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen.


Man könnte ja mal über einen Lift nachdenken.


Hatte was von der noch nicht besuchten Sahara.

Genau im Moment des Fotos kam ein Sandsturm.

Das war funnig. Eigentlich beginnt schon von da aus der Ninety Mile Beach, allerdings wird ein Befahren von den Sanddünen dringend abgeraten, den Abschleppdienst bezahlt keine Versicherung. So wagte ich mein Glück weiter südlich.

Der Bongo vor seiner aufregendsten Fahrt.


Der Verkehr lief einigermaßen fließend.

Diesmal wurde abends in einem gemütlichen Wald geschlafen und am nächsten Tag stand ein langer Weg zurück nach Helensville an. Bevor meiner Rückkehr wurde ich aber noch zum Förster. Man kann auf dem Weg gen Süden durch einen Wald fahren, einem Kauri- Wald. Der Kauri- Baum ist einer der wenigen noch existierenden neuseeländischen Baumarten und natürlich ein Touristenmagnet. Der größte Kauri- Baum besitzt eine Höhe von einundfünfzig und einen Umfang von vierzehn Metern und den Namen Tane Mahuta.

Übersetzt: God of the forest.


Schon wieder er.

Nun gut, war halt auch nur ein großer Baum. Nachdem ich mir noch ein paar weitere Kauris angeschaut habe und feststellte diesen Baum nicht in meinen Garten zu pflanzen, begann die endgültige Rückreise in mein Dorf.

So soll es dann auch gewesen sein. Wenn man so will habe ich nun quasi ganz Neuseeland bereist. Vom fast südlichsten bis zum fast nördlichsten Punkt, vom fast östlichsten bis zum fast westlichsten Punkt. Jedes Mal fehlten ein paar Kilometer um die jeweilige Maxime zu erreichen, egal, so gut wie jede Region Neuseelands durfte meinen Atem spüren. Vor einem Jahr war mir vielleicht bewusst, dass dieses Land aus zwei Inseln besteht, jetzt weiß ich, es sind dann doch ein paar mehr. Alles was ich sehen wollte hab ich mehr oder weniger sehen dürfen, aber keine Angst, Langeweile kehrt in den verbleibenden zweieinhalb Monaten garantiert nicht auf, das kann ich versprechen.

Ich wünsche euch allen einen geruhsamen ersten Mai!

Bis demnächst!!

Grüßt die Kiwis!!!

Euer Michi

Mittwoch, 14. April 2010

Volljährig.

Guten Abend und ganz herzlich Willkommen zur achtzehnten Ausgabe von „Vom anderen Ende der Welt.“ Mein Blog hat nun also die Volljährigkeit erreicht und will in seinem Leben noch ganz viel erreichen. Da wäre zum Beispiel dieses grauenhafte Foto des Verfassers irgendwann einmal zu ersetzen, einen neuen Farbanstrich zu erhalten oder einfach in Rente zu gehen. Für den letzten muss er noch ein bisschen was tun, die ersten beiden Wünsche kann er sich aber wohl abschminken. Tut mir leid, Blog. Nichtsdestotrotz will ich ihm diesen Geburtstag natürlich nicht vermiesen und so schneiden wir dann mal den Kuchen an. Jedoch muss ich ihn schon wieder enttäuschen; anstatt einer prächtigen Erdbeertorte mit Kaviar oben drauf gibt es nur einen staubigen, vor dem Verfallsdatum stehenden, im Supermarkt als Sonderangebot ergatterten, Schokoladenkuchen und auch noch ohne Sahne. In den letzten zwei Wochen hat sich mein Leben keiner größeren Reise unterzogen, gestorben ist auch niemand und so schaun ma mal was das heute hier wird, schwafeln kann er ja ganz gut.

So fang ich einfach mal mit dem Highlight der vergangenen vierzehn Tage an. Am Ostersamstag bin ich nach gekochter und verzehrter Lasagne zum Abendbrot, nach Auckland. Genauer genommen zum Flughafen. Dort benötigte ich eine gefühlte dreiviertel Stunde um einen Parkplatz zu finden, warum auch immer. Den Van abgeschlossen, Beine in die Hände genommen und mit schnellen Schrittes zum Terminal. In diesem brauchte ich erst einmal eine Weile zur Orientierung und erfragte das Ankommen verschiedener Flieger. Danach setzte ich die ziellose Suche fort und war schon am verzweifeln, ich habe ihn doch nicht etwa verpasst. Plötzlich winkt mir aus ungefähr fünfundsechzig Metern ein Mensch, mit schwarzen Haaren und deutlich erbraunter Hautfarbe zu. Das ist doch nicht etwa? Kann nicht sein. Du arbeitest schon zu lange mit geistig Behinderten Menschen zusammen. Mit unauffälligen Schritten nähere ich mich dieser Person auf einunddreißig Metern an, noch immer bewegt sie ihre linke Hand in einem gleichmäßigen Rhythmus und zeigt ein leichtes Lächeln. Du bist fünfundzwanzigtausend Kilometer von deiner Heimatstadt entfernt, das ist unmöglich. Fünfzehn Meter, Körperbau und Gesichtsformen werden immer deutlich erkennbarer, wach endlich auf. Die vier Meter Marke erreicht und jetzt kann doch eigentlich kein Zweifel mehr bestehen. Der Nachfahre des Homo Sapiens, der gerade seinen Rucksack vom Gepäcklaufband aufnimmt trägt den Namen: Johannes Hierold. Die Wurst rausgeholt, ein Eberbräu geköpft und den Friedhelm- Boginski Gedächtnisbart ran geklebt, ein Hoch auf unser einzigartiges Eberswalde. Natürlich war diese Begegnung von langer Hand geplant und ließ meine Laune in den vergangenen Tagen erheblich steigern, zwei alte Schulkameraden aus der schönsten Stadt Deutschlands treffen sich im schönsten Land der Welt, Hohoho.

Hiermit bestätige ich also offiziell, dass Jojo noch am Leben ist, was mich sehr gefreut hat. Nachdem Verlassen des Aucklander Flughafen ging es zuerst auf einen Vulkan, von dem man aus erkennen kann, dass Auckland ja wirklich ziemlich groß ist. Anschließend fuhren wir in die City und bei einem sehr salzigen Guinness wurde über die vergangenen acht Monate geplaudert, danach sind wir in eine Bar, wo wir den Kiwis erst einmal zeigen mussten wie man Pool spielt, bzw. tat dies mein Eberswalder Kumpane. Aber wie schon erwähnt, der Kalender hat unser Treffen auf den Ostersamstag gelegt und wie auch den „Bild“- Lesern unter euch bekannt sein dürfte folgt auf Ostersamstag Ostersonntag und somit werden Punkt zwölf Nägel an die Bierfässer und Lautsprecher aller Aucklander Bars genagelt, Feierabend. Quasi ganz Neuseeland schließt an Karfreitag und Ostersonntag, so stand eine verfrühte Fahrt nach Helensville an. Am nächsten Morgen stellte ich Jojo allen meinen Hausmitgliedern vor und auf Grund der mangelnden Unterhaltungsmöglichkeiten rund um Helensville an einem Ostersonntag (obwohl, da ist nicht unbedingt der Ostersonntag Schuld) kam er auch gleich zur traditionellen Osterfeier vom Mount Tabor Trust mit. Dieser soll aber hiermit kein ganzes Stück vom Kuchen gegeben werden und so nur eine Kurzfassung. Mt. Tabor ist etwas christlich angehaucht und so wurde eine kleine Prozession abgehalten. Zuerst sollten alle Teilnehmer all ihre Sünden in Form eines Nagels in ein Kreuz hauen, anschließend wurde dieses Kreuz vor einem roten Schleier fallen gelassen und wir sollten auf diesem Kreuz durch den Schleier laufen und am anderen Ende warteten Wein und Brot auf uns, Halleluja. Ein paar Ostereier wurden noch gesucht und dann gab es das für Mt. Tabor- Ereignisse so essentielle Büffet. Das wars. Meine sonstigen Ostertraditionen gefielen mir da schon deutlich besser, aber wen kümmert es. Den Nachmittag über blieben wir zu Hause, bzw. halfen Agnes beim puzzeln und haben abends die erste Staffel von Mr. Bean geschaut. Am nächsten Morgen verabschiedete sich Jojo auch schon wieder, vorerst. Da ich für meinen Bongo am Anfang einer Woche keine Verwendung habe wechselte er für drei Tage den Besitzer und Jojo fuhr gen Norden. Am Mittwoch kam er Gesund und munter wieder zurück, also der Bongo, Jojo, soweit ich weiß, auch. Für den Donnerstag war die übliche Abendunterhaltung geplant, also die Aucklander Bars unsicher machen. Wobei so viel unsicher zu machen gab es letzten Donnerstag nicht. Die Dichte an Menschen war trotz neuseeländischer Osterferien recht gering und so verabredeten wir uns ein letztes Mal für den morgigen Nachmittag. An diesem hatten wir beide die wohl schönste Stadtrundfahrt unseres Lebens, über eine Stunde durch Auckland, fantastisch. Danach hieß es dann aber auch schon wieder Abschied nehmen, die nicht vorhandenen Tränen stiegen in die Augen und Auf Wiedersehen, man sieht sich am dreiundzwanzigsten Juli. Es war sehr schön mal wieder mit jemanden aus dem eigenen Kaff zu quatschen, quasi den guten alten Zeiten ein bisschen nachzutrauern, darüber zu sprechen wer aus unserem Jahrgang jetzt schon Hartz- IV beantragt hat oder ob die Erde nicht vielleicht doch eine Scheibe ist. Ein Beweisfoto von diesem Treffen kann ich euch übrigens nicht zeigen, noch nicht, ich warte immer noch auf das Foto Jojo, beim nächsten Mal dann.

Jepp, dass also dazu. Nach diesem tränenreichen Abschied haben wir zu siebent noch einen kleinen Ausflug unternommen. Es ging in einen der angeblich gruseligsten Orte Neuseelands, ins „Spookers“. Das „Spookers“ ist ein altes Backsteingebäude, was früher als eine Anstalt für psychisch kranke Menschen diente und nun zu einem Art Geisterhaus umfunktioniert wurde. Zu Beginn gab es eine zwanzig minütige Tour durch das Haus. Man muss sich das so vorstellen, wir laufen da zu siebt durch die rar beleuchteten Korridore und plötzlich erscheint aus der Wand eine Hand, oder sonst was. Dann gibt es kleine Räume, die zuerst einen ganz normalen Eindruck vermitteln. Ein Raum bestand aus einem Gefängnis, in dem ein Mann in einer Zelle saß und den Schlüssel verlangte, der sich am anderen Ende des Raumes befand. Wir stürmen alle auf den Schlüssel und kommt der Mann natürlich aus seiner Zelle und brüllt uns an. So gruselig war es dann aber noch auch wieder nicht, da durch die Schreie unserer weiblichen Gruppenmitglieder jeglicher Grusel schon vorweggenommen wurde. Nach dem Haus sind wir in ein zum Labyrinth umgebauten Maisfeld, wo wir uns in kleinere Gruppen aufgeteilt hatten. Es war stockdunkel und wir besaßen nur eine kleine Taschenlampe. Dann passiert es halt, dass auf einmal Mitten aus dem Maisfeld merkwürdig gekleidete Männer auf dich losstürmen und dabei eine knatternde Kettensäge in der Hand halten und nichts anderes als deinen Tod wollen. Das war schon deutlich angsteinflößender, geweint habe ich aber nicht und meine Hose blieb auch trocken.

Der Teller ist leer, der Kuchen Geschichte und ihr könnt gleich zum Erbrechen aufs Klo. Da beende ich unsere kleine Party heute mal langsam.

Den Blog heute habe ich verfasst, da ich gestern mit der festen Überzeugung aufgewacht bin am Dienstag einen Blog zu schreiben, gut dies konnte nicht hundertprozentig umgesetzt werden. Nichtsdestotrotz fällt dieser Blogeintrag mit einem erwähnenswerten Zahlenspiel zusammen. Einer der deutschen Freiwilligen machte mich gestern darauf aufmerksam, dass morgen noch einhundert Tage bis zur Rückkehr ins geliebte Eberswalde bleiben. Da war ich ja etwas schockiert und konnte ihm das nicht wirklich glauben. So wurde abends erst einmal gründlich nachgezählt und er lag falsch. Der Tag an dem meine Nase wieder die unverkennbare eberswalderanische Luft atmen darf, liegt von heute an nicht einhundert, sonder neunundneunzig Tage zurück. Oh Gott, nur noch zweistellig. Meine derzeitige Stimmungslage verleiht mich aber eher nicht zum Tage zählen, ich fühl mich gerade recht wohl am anderen Ende der Welt, so viel nur mal dazu.

Zum Abschied noch ein Geburtstagsrätsel:

Was ist das?


Und die Lösung ist:


Genau. Na, wer hat’s gewusst? Wer bekommt den Lolli?

Habt eine wollige Woche!

NeunUndNeunzig!!

Grüßt die Kiwis!!!

Euer Michi




Mittwoch, 31. März 2010

Thank you, James.

Mittwoch, vierundzwanzigster März, circa fünfzehn Uhr dreiundzwanzig. Eine leichte, salzige Note liegt in der Luft, sie findet Zugang in die durchschnittlich großen, dafür aber von einem überwiegend aus Knorpel bestehenden, aufgesetzten Buckel, merkwürdig erscheinenden Nasenlöcher Michael Graupners. Als nächstes erreicht sie den Nasenvorhof, der jedoch seinem Namen gerecht wird und nur beiläufig eine Rolle spielt, ihr Ziel ist vorerst die Nasenhöhle, dort schmiegt sie sich in die gelb- rötliche Nasenschleimhaut und könnte in dieser Bequemlichkeit für immer verharren. Allerdings ist ihr Aufenthalt nur von kurzer Dauer, durch einen plötzlich aufwirbelnden Tornado, verabschiedet sie sich von ihren neu gefundenen Freunden und nimmt Platz auf einem vierhunderteinundvierzig Quadratzentimeter großen Papiertaschentuch. Ob dieser Strand von großer historischer Bedeutung ist, kann ich euch nicht sagen, seine nicht vorhandene Schönheit hält sich in Grenzen, die Sandkörner erstrecken sich in ihrer Länge vielleicht einen Kilometer, ehe sie von in die Höhe ragenden Kreidesteinen aufgehalten werden. Es ist weit und breit kein Mensch zu sehen, nur ein paar heruntergekommene Häuser lassen den Gedanken an so etwas wie Zivilisation aufkommen. Viel anders muss das vor zweihunderteinundvierzig Jahren an dieser Stelle auch nicht ausgesehen haben. Hier oder zumindest in unmittelbarer Nähe soll am neunten Oktober siebzehnhundertneunundsechzig der britische Seefahrer James Cook seine zehn Zehen erstmals auf neuseeländisches Festland gesetzt haben. Ein paar Maori sollen ihm zum Willkommen ihren Kriegstanz, den Haka, vorgeführt haben, der nicht unbedingt als eine freundliche Begrüßung zu verstehen sein muss. Ein paar Crewmitglieder nahmen den Tanz aber doch etwas zu ernst und erschossen sechs Maori, so musste James Cook wieder zurück auf seine Endeavour und setzte weiter südlich endgültig Anker. Dort erhielt er wohl einen wärmeren Empfang bzw. zügelte sich seine Mannschaft mit Danksagungen und so begann die Besiedlung der beiden neuseeländischen Inseln. Zweihundertvierzig Jahre ist das also erst her und irgendwo hier muss das doch gewesen sein. Weit und breit kein Hinweisschild auf dem Highway, keine Statue oder zumindest eine Gedenktafel, nichts. Während andere Länder solch einen historischen Punkt mit zig siebunddreißig Sterne Hotels oder Freizeitparks zugebaut hätten, scheinen die Kiwis nicht besonders „stolz“ auf dieses Ereignis zu sein. Ich jedenfalls bin es. Was würde ich ohne James Cooks Entdeckung jetzt machen? Wahrscheinlich würde ich in irgendeinem der unzähligen Eberswalder Naturparks Unkraut reinigen, Graffitischmierereien aufheben oder Hundekacke jähten. Stattdessen befinde ich mich in einem der schönsten Länder der Welt, zwar verschnupft, aber glücklich. Thank you, James.

Da haben wir dann auch mal wieder etwas Geschichtliches eingebaut, reicht aber fürs erste. Heute soll es unter anderem um eine der englischsten der englischen Sportarten, eine Kathedrale mitten auf einem Strand und den so lang herbei gesehnten „Urlaub“ meines Hauses gehen.

An einem meiner ersten Abende in Neuseeland, Anfang August (das ist doch jetzt nicht schon fast acht Monate her?) bin ich mit ein paar anderen Freiwilligen in eine Bar. Fast jeder Laden hier, der auch nur so etwas wie einen Alkoholausschank besitzt, hat mindestens einen achtundvierzig Zoll großen Bildschirm, auf dem überwiegend Rugby geschaut wird. Als wir die Bar betraten lief etwas anderes, nämlich Cricket. Mein Interesse für diesen Sport hielt sich bis dahin arg in Grenzen, da vorher noch nie gespielt, geschaut oder gehasst. Auch an diesem Abend, es spielte England gegen Australien, konnte sich mein linker kleiner Finger vor mangelnder Begeisterung beruhigt an mein Bierglas klammern. Irgendwelche in weiß gekleideten Menschen werfen einen kleinen Ball auf einen Sandkasten und ein Mann mit Helm versucht diesen irgendwo hinzuschlagen. Atemberaubend. So ignorierte ich diesen Sport in meinen ersten sechs Monaten. Als wir Anfang Februar mit unseren Behinderten im Camp Cricket spielen sollten, bewegte sich mein kleiner linker Finger schon etwas mehr. Einer der Betreuer erklärte uns die Regeln im Grundsatz und meinte, dass die neuseeländische Nationalmannschaft, einfach nur Black Caps genannt, demnächst zu Hause gegen Australien, das Beste was es weltweit im Cricket gibt, spielen werden. Überhaupt gilt erst mal zu sagen, dass es drei verschiedene Formen vom Cricket gibt, die erste dauert nicht länger als zwei Stunden, die zweite ungefähr acht und die dritte kann Tage gehen. So wurde Ende Februar im Fernsehen ein Match des ein Tages Cricket übertragen, was meinen kleinen linken Finger in schon fast enthusiastische Stimmung versetzte. Cricket ist so ein Sport bei dem man wirklich jede Minute dran bleiben muss, da man ja sonst irgendetwas verpassen könnte und so saß ich mit meinen Mitbewohner fast durchgehend acht Stunden vor dem Fernseher. Bei den Kiwis rangiert dieser Sport, nach Rugby natürlich, auf dem zweiten Rang, noch weit vor Fußball. Zum Glück gewann an diesem Abend Neuseeland in einem ziemlich spannenden Spiel und ich entschied mich in einer Woche nach Auckland zum Cricket zu fahren. Gesagt getan. Schaffe ich es diese typische englische Sportart im Grundsatz in sechs Sätzen zu erklären? Schaun ma mal. (Achtung! Die Folgenden Sätze könnten zu gelegentlicher Langeweile führen!) Beim Cricket treten grundsätzlich zwei Mannschaften á elf Spieler, auf einem ovalen Spielfeld spielend, gegeneinander an. In der Mitte dieses Spielfeldes befindet sich ein zwanzig Meter langer und drei Meter breiter Streifen, das sogenannte Pitch, an dessen beiden Enden befinden sich drei aufgesteckte Stäbe, die mit zwei kleinen Holzstäben bedeckt werden, dieses Gestell bezeichnet man als Wicket. Diese Wickets werden von jeweils zwei Menschen der gleichen Mannschaft „beschützt“, den Batsman (Schlagmänner), die eine Art Holzschläger (hat etwas von einem Golfschläger, nur halt aus Holz) in der Hand haben. Die andere Mannschaft besteht aus einem Bowler (Werfer) und den anderen zehn Teammitgliedern, die auf dem Feld verteilt stehen und warten bis etwas passiert, was sich hinziehen kann. Der Bowler (er hat sechs Würfe; sechs Würfe = ein Over) versucht nun den Ball so zu werfen, dass er das Wicket des gegenüberstehenden Batsman trifft und diesen damit eliminiert, dieser versucht hingegen den Ball so zu treffen, dass er möglichst unerreicht für alle Feldspieler irgendwo auf dem Feld oder auf der Tribüne landet. Falls er ihn trifft versucht er mit dem zweiten Batsman so oft wie möglich die Position zu tauschen, also von einem Wicket zum anderem, maximal sechs Mal. Ein Batsman ist draußen, wenn sein Wicket getroffen wurde oder der geschlagene Ball direkt, ohne vorher Aufzukommen, gefangen worden ist, eine Mannschaft hat zehn Batsmans, gewechselt werden die „Aufgaben“, wenn alle Batsmans aufgebraucht oder fünfzig Over (also dreihundert Würfe!!!) gespielt worden sind. Oh Gott, dass waren sieben und ich hätte noch mehr schreiben können. Egal so sieht es im Grundsatz jedenfalls aus. Für fünfzig Over benötigt man circa dreieinhalb Stunden, dann ist eine fünfundvierzig minütige Halbzeit, in der fast alle aus dem Stadion verschwinden. Meine Sitznachbarin ist mit ihren Kindern nach Hause Abendbrotessen. Neuseeland hat an diesem Abend gegen Australien übrigens verloren, ziemlich eindeutig sogar, war aber wurscht, ich kam aus dem Staunen gar nicht mehr raus. Ein paar Bilder:

Tatort; Auckland, Eden Park, der anscheinend grad umgebaut wird. Gelb ist Australien, Schwarz Neuseeland.

Cricketszene. Manche Bowler bowlen über einhundertundfünfzig Kilometer pro Stunde.

Zur Halbzeit eine knackige Frankfurter.

Und da machen wir einen Hacken ans Cricket. Vor zwei Wochen hatte ich wieder einmal vier Tage hintereinander frei, so bestand der Drang, dieses schon so überreiste Land noch weiter zu bereisen. Die ersten beiden Tage wurden mit dem traditionellem Donnerstagabendspaß, dem Kauf dreier neuer Reifen und dem Nicht- Aufholen meines Schlafmangels verbracht. Am Samstag packte mich dann aber der Elan, und mein Van und ich verließen unseren Wohnort für zwei Tage. Es ging nach Rotorua, siebzigtausend Einwohner groß und mitten auf der Nordinsel gelegen. Wenn man den Ortseingang von Rotorua passiert steigt umgehend ein eigenmächtiger Gestank in die Nase von Menschen, es riecht nach faulen Eiern. Hat Rotorua etwa eine Städtepartnerschaft mit Gelsenkirchen? Oder was, oh ja, evoziert diesen scheußlichen Geruch? Die Antwort ist, dass in und um Rotorua eine mit Island vergleichbare, geothermale Aktivität vorherrscht, sodass es unzählige Schwefelquellen gibt, die für den Geruch verantwortlich sind. Durch diese geothermale Geschichte gibt es aber auch ein paar Geysire, welche für die zahlreichen Asiaten natürlich ein perfektes Fotomotiv waren.

Augen auf.

Ein bisschen was über die Maorikultur wurde mir auch erzählt, Rotorua ist so etwas wie ein Maorizentrum in Neuseeland, aber dazu jetzt nichts. Genächtigt habe ich in meinem Bongo am Rande eines Sees, sehr gemütlich. Am Sonntagvormittag standen dann um die fünfhundert Kilometer auf meinem Fahrplan. Erster Stopp ein kleiner Hügel am Rande Rotoruas. Dort kann man in einem Rainer Callmund großem Ball einen kleinen Berg runter rollen und auf Grund des in dem Ball befindlichen Wassers nass werden. Die ganze Geschichte nennt sich Zorb und war der ultimative Megafun.

Geradeaus oder Zig- Zag.

Nächstes Ziel war Matamata. Eigentlich nichts besonderes, wenn da nicht vor ein paar Jahren ein paar ziemlich erfolgreiche Filme gedreht wurden, bzw. einige Szenen davon. Neun oder Zehn Kilometer von Matamata entfernt befindet sich das Auenland aus dem Herrn der Ringe. Nun gut, viel davon ist nicht mehr übrig, man kann an einer überteuerten Tour entlang der ehemaligen Drehorte teilnehmen und Schafe sehen, das wars. Da fand ich ein Touristenfoto in der Stadt schon spaßiger.

Die Begeisterung springt geradezu aus seinem Gesicht.

Zum Abschluss des Tages fuhr ich etwas weiter nördlich, zur Coromandel- Halbinsel, die ein paar sehr nette Strände zu bieten hat und nicht nur das. Eigentlich liegt die Küste im Schnitt vierzig Meter über dem Meeresspiegel, aber es gibt zahlreiche kleine Buchten die von in die Höhe ragenden Kalksandsteinen nur so um türmt sind. Einer dieser Gesteinsformationen wurde durch das umliegende Wasser ausgespült und so entstand eine ziemlich beeindruckende Höhle. Auf Grund ihrer Form bezeichnen sie Frauen und Männer auch als „Kathedrale“.

Da steht er.

Entlang der ganzen Küste gibt es ein paar merkwürdig aussehende Gesteine.

Am gleichen Abend musste ich wieder zurück nach Hause, wo dann schon der nächste Ausflug auf mich wartete.

Der diesjährige Haustrip meines Hauses führte uns an östliche Ende Neuseelands, nach Gisborne. In fünf Tagen haben wir eintausendfünfhundert Kilometer mit unserem Van absolviert, also alles andere als Urlaub. Aber ich will nicht meckern, für Null Komma null Cent habe ich eine mir bisher komplett unbekannte Ecke Neuseelands kennen gelernt und meine Liebe zu diesem Land wiederentdeckt. Nachdem die Braunheit in und um Helensville nicht unbedingt faszinierend ist, war es die Landschaft im Osten alle Mal. Wir haben einen ganz schönen Umweg ums East Cape gemacht (alle jetzt mal auf die Karte rechts geschaut, dort findet ihr im Nordosten so einen kleinen Buckel, da sind wir rum), links die sehr entspannt drein schauende See, rechts erstreckt sich Kilometer ins Landesinnere der Neuseeländische Regenwald. Die auf dem Weg entgegengekommenen Autos hätte man an Fingern und Zehen abzählen können, Dörfer, die aus drei Häusern und einer Kirche bestehen, Ortschaften in denen der Hans vom Ortseingang noch den Dieter vom Ortsausgang kennt, hier ist die Welt noch in Ordnung, sei es ihnen gegönnt. Auf dem Weg spielte sich übrigens auch die im Eingang beschriebene Szene ab, so mit am östlichsten Punkt Neuseelands. Ziel war aber Gisborne, nicht größer als Bernau, rühmt sich selbst als erste Stadt der Welt die die Sonne sieht, nice. Agnes kommt ursprünglich aus Gisborne und der Trip war dazu da ihre Verwandten zu besuchen und, so makaber es auch klingt, ihr späteres Grab zu besichtigen. Agnes war seit mehr als zehn Jahren nicht mehr in ihrer Heimatstadt, was aber keine Rolle spielte. Sie kannte jede Straße, jedes Haus und fast alle Menschen. So kam aus dem Hinterteil unseres Vans immer Folgendes: „Go that side, where Michael is sitting, my brother used to work here, when he left school.“ Sie kann nicht zwischen Rechts und Links unterscheiden. Naja, alles in allem hatten wir ein paar angenehme Tage und ich war jetzt auch im Osten, sehr schön.

Die Reisecrew von No 5; Cathy, Agnes, Roy, Rachael, Ron, Wurst.

Na dann, dieses Osterei hat sein Haltbarkeitsdatum noch auch schon so langsam überschritten und darf jetzt endgültig verzehrt werden. Ich hoffe der zweite Satz meiner Einleitung hat nicht zu viele Kopfschmerzen hervorgerufen.

Ein österliches Ostern!

Morgen ist der 1. April!!

Grüßt die Kiwis!!!

Euer Michi

Montag, 15. März 2010

Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß.

Der Sommer lädt zu seiner Abschiedsvorstellung. Mit letzter Kraft schafft es die Sonne die immer mehr werdenden Wolken etwas zu verdrängen, die es ihrerseits vollbringen, den üblichen neuseeländischen Schauer von Tag zu Tag auf Minute zu Minute zu verlängern und so das Trocknen der Wäsche deutlich erschweren. Wie im letzten Eintrag schon erwähnt besitzen die sonst im satten Grün nur so triefenden kleinen Hügel in und um Helensville schon längst nicht mehr die Farbe der Hoffnung. Das gleiche Schicksal ereilt den importierten oder einheimischen Bäumen, bzw. deren Blätter, nun ebenfalls. Auf Grund dieser Farb- und daraus resultierenden Form- und Gewichtsänderung, werden sie von der Mutter aller Kräfte magisch angezogen und bevölkern nun fleißig unsere, im Hintergarten leicht anhebende, Grasfläche. Der Verfasser bot sich schon mehrmals an die schon lange nicht mehr ausgeübte Disziplin des Laubharkens auszuführen. Aber seine Hilfe wurde knallhart abgewiesen; was muss das für ein Mensch sein, der auf die unschätzbaren Kräfte des Michael G. verzichten kann? Es ist Agnes Ward. Und so steht, sitzt, oder liegt meine gute, alte Zimmernachbarin Tag für Tag im Garten und hebt die Blätter auf. Aufheben? Ja, aufheben. Zwar haben wir drei verschiedene Harken in der Garage, aber Agnes bevorzugt halt die Handarbeit und so kommt sie zu nichts anderem mehr, außer dem Aufheben von Blättern. Bitter an der ganzen Sache ist, wenn sie zum Mittag eine Pause einlegt, ist die ganze Grasfläche schon wieder überflutet und nach dem Abendbrot gibt es die gleiche Geschichte. Nun gut, das nur mal so zum Einstieg.

Ansonsten lässt sich der anbahnende Herbst auch an meinem Gemüts- bzw. Gesundheitszustand erkennen. Beim letzten Mal hatte ich euch ja berichtet, dass uns der amerikanische Betreuer verlassen hat, worüber wir alle ganz froh waren, viel mehr Arbeit hatte ich eigentlich nicht erwartet, da er nie wirklich was gemacht hat. Ich dachte auch, dass man jemand anderes findet der mit mir die Bäder putzt, Essen kocht und Wäsche wäscht, da habe ich aber wohl falsch gedacht. So kam es, dass ich die letzten drei Wochenenden nahezu auf mich allein gestellt war, bzw. bekam ich vorletztes Wochenende abends Hilfe von einer Betreuerin, deren Alkoholfahne alle der einhundert Hertha- Randalierer im Nu in einen langen Schlaf versetzt hätte. Ein Anruf bei meiner Chefin genügte um sie aus dem Haus zu entfernen. Vor einer Woche dann noch das; Robbie, einer „meiner“ Behinderten, schlägt meine House Leaderin mitten auf die Nase, da sie im Moment sowieso schon an so was wie Burn- Out leidet wurde sie erst einmal für eine Woche freigestellt wurde. Damit bin ich quasi der einzige Betreuer, der in unserem Haus wohnt und schaffe meine eigentlich vorgesehenen achtunddreißig Stunden die Woche locker in drei Tagen, die Anzahl, Tiefe und Breite meiner Augenringe vergrößert sich im Moment täglich, toll. Um mich mal wieder auf etwas andere Gedanken zu bringen bin ich letzte Woche an meinem freien Tag endlich wieder ins Fitnessstudio, wo ich vorgeführt bekam, wie wenig ich für meinen Körper die letzten Monate doch getan habe, ich hätte Weinen können. Einer der staff member meinte ich werde die nächsten Tage einen „bloody sore“ spüren, so richtig Glauben wollte ich ihm aber nicht schenken. Der Tag danach ging noch, der Tag danach auch noch, aber der Morgen am Tag danach am Tag danach, war grausam. Meine gesamte Schulter war quasi wie gelähmt. Ich fühlte mich wie John McCain, meine Arme konnte ich nur noch auf Schulterhöhe bewegen, ich lief den ganzen Tag gebeugt, nur dieses fiese Lachen bekam ich nicht ihn. Jedenfalls erzeugten diese Stunden als Krüppel ein wenig Respekt vor dem dreiundsiebzigjährigen aus Arizona, der lebt ja schon ungefähr vierzig Jahre so. Der Schmerz in der Schulter war Sonntagmorgen nahezu verschwunden, als sich mein linkes Knie zu Wort meldete. Ein Blick auf dieses versetzte mich ein wenig in Schrecken. Ein dem Kilimandscharo gleichender Hügel erhob sich von diesem, aber nicht nur das, im Süden des Hügels erstreckte sich ein ovalförmiges Oval mit einem nicht gemessenen Durchmesser von 6,39 Zentimeter und einem etwas blassem Rotton. Auf diesem Fleck hätte man ohne weiteres ein Spiegelei braten können, der Temperaturunterschied zum anderen Knie war frappierend. Ehrlich gesagt hat mich das aber nicht weiter interessiert, konnt zwar nicht richtig laufen, aber wird schon wieder. Als meine House Leaderin heute zu einem Besuch vorbeikam, reichte ein Blick und sie nahm mich zum Doktor. Der meinte, dass es sich aller Voraussicht nach um eine nicht zu definierende Entzündung handelt. Ohne zu fragen pumpte sie mir auch gleich irgendein Antibiotikum in die Vene, schaun ma mal wie es weitergeht, bin jetzt für zwei Tage erst mal frei geschrieben. Als ich wieder nach Hause ankam, fragte mich Agnes gleich ganz besorgt: „Michael, are you having cancer?“ Fast. Aber Schluss mit diesem selbstmitleidigen, uninteressanten und weinerischen Berichten. Dann solla doch zu Kerner gehen! Genau, der gute Johannes B. ist aber derzeit nicht in Neuseeland und wird hier so schnell auch nicht erscheinen, ausheulen kann ich mich auch später, aber jetzt erst mal zurück zu den wirklich wichtigen Dingen.

Ich bin euch noch ein paar Zeilen über meine vier freien Tage, vor mittlerweile auch schon unfassbaren drei Wochen, schuldig. Da ich ja seit Anfang Februar eine vorher nicht gekannte Mobilität genieße, hatten wir, das sind zwei andere deutsche Freiwillige und Michael Graupner, uns entschlossen die Tage auf der im Aucklander Hafen vorgelagerten Insel namens Waiheke Island zu verbringen. Mit dem Van, unter, neben und über uns, brauchten wir uns ja auch nicht mehr um Unterkünfte zu kümmern. Waiheke Island ist eine vom Festland ziemlich unabhängige Insel, es leben auf ihr circa achttausendvierhundertdreiundzwanzig Einwohner, man hat alles was man braucht, Supermarkt, Tankstellen, Kino und eine Guinnessbar. Aber irgendwie hat uns das alles nicht so vom Hocker gerissen, wenn man so ziemlich alles auf der Südinsel gesehen hat, konnten wir uns für unzählige Weinberge, ein paar mittelmäßige und nicht besuchte Kunstaustellungen und die vertrocknete Landschaften nicht wirklich begeistern. Unsere Hauptaufgabe bestand eigentlich aus dem Nichtstun. Wir habe fast den ganzen Tag am Strand gelegen, wenn wir einen Bewegungszwang verspürten sind wir ins Wasser, um dann aber auch gleich wieder aufs Handtuch rauf und weiter zu schlafen, es war grandios. Unseren Van haben wir dann nachts Mitten in der Pampas geparkt und dort unsere Zelte aufgeschlagen. Mit drei Menschen in diesem Gefährt war es verdammt eng, aber wir haben überlebt. Die Folgenden Bilder dienen zur Veranschaulichung.

Der Verfasser schlafend.

Beim Schlafplatz aufbauen.

Das Braune Waiheke.

Was gibt’s noch zu berichten? Etwas über meine neue Lieblingssportart? Ah, ne dafür benötige ich ein kälteres Knie und ein bisschen mehr Lust. Da schreib ich nur kurz von einem Ausflug mit den Behinderten am Samstagnachmittag. Es ging zur größten Agrarschau in der südlichen Hemisphäre (dieses Attribut hängen die aber bei jeder etwas größeren Veranstaltung ran), der Kumeu Show. Eigentlich war die ganze Sache nichts Besonderes. Ich hatte Gott sei Dank noch Hilfe von einer Betreuerin für diesen Ausflug bekommen, ansonsten wäre ich gestorben. Ich bin mit den Zwillingen umhergelaufen. Zuerst hatte sich Ron, zur Erinnerung er ist taub, eine Gitarre gekauft und mir diese überglücklich präsentiert, er hat von diesem Musikinstrument ungefähr zehn in seinem Raum. Unser Weg führte uns zu einem Stand, wo sich kleine Kinder ihre Körperteile mit kleinen Bildchen bemalen lassen können und dann sagen sie haben ein Tattoo. Ron war von diesem Stand hin und weg und wollte unbedingt eines dieser Bildchen, na gut, ist ja dein Geld. Aus einem wurde dann aber zwei und so läuft mein achtundsiebziger Großvater jetzt mit zwei Herzmotiven auf dem Oberarm (kann natürlich keiner sehen) durch die Welt.

Hier ein Bild von DJ Lewis.

Sei Bruder wurde daraufhin etwas neidisch und wollte auch unbedingt eines. Anfangs wollte er sich das Eiserne Kreuz auf den Arm malen lassen, aber ein guter Geist konnte ihm das Ausreden. Er entschied sich dann für das gleiche Motiv wie sein Bruder nur in anderer Farbe.

Diesmal Orange.

Na dann ihr Freunde des Bloglesens, werde ich mal langsam den Ausgang finden. Ach so, alle sich auf meinem Fuß befindlichen Fäkalien sind aber noch nicht ganz erzählt. Der im letzten Halbjahr so öde Donnerstag entwickelt sich derzeit zu einem der langen Nächte, wir vier Freiwillige und zwei andere Betreuerinnen leben am vierten Tag der Wochen ein wenig das Aucklander Nachtleben. Auf Grund der Anzahl an Personen ist mein Van das ideale Transportmittel, selten sind wir vor um fünf wieder zurück. Geschlafen wird dann immer im Haus eines Freiwilligen. Wie dem auch sei, letzten Freitag wurde ich um vierzehn Uhr geweckt: „Michael, your van got a flat tyre.“ Nach dem ich das Ganze zuerst für einen Scherz hielt stellte ich eine Stunde später fest, dass der Reifen mehr als nur einen Platten hatte. Naja passt ja im Moment richtig gut. Da ich aber von einem Reifenwechsel genauso viel Ahnung habe, wie Dirk Niebel von Entwicklungspolitik, war ich anfangs ziemlich ratlos. Gott sei Dank kannten sich meine beiden Waiheke- Kumpanen etwas mehr aus und so packten wir es dann an. Es brauchte circa einhundertdreiundfünfzig Minuten bis wir das Ersatzrad an Ort und Stelle befestigten, muss man ja auch mal durch.

Übrigens habe ich ein paar meiner, in zu großer Anzahl geschossenen, Fotos meines Reisemonats online gestellt. Leider besaß ich noch keinerlei Motivation diese ausreichend zu beschriften, folgt aber. Könnt ja mal unter dem Ordner Reisemonat in meiner Fotogalerie nachschauen.

So jetzt dürfte mein Fuß von allem Unangenehmen befreit sein. Als Abschiedsbild gibt es heute eine Nachtaufnahme der Sykline von Auckland.

Euch eine beinfreie Woche!

Es ist ja auch schon wieder Mitte März!!

Grüßt die Kiwis!!!

Euer Andi Brehme